Herr Arn, ständig jammern Eltern und Pädagogen, die Kinder von heute sässen zu oft vor dem Fernseher, am Computer oder an der Spielkonsole – und jetzt kom-men Sie noch mit einer App-Reihe zum Lernen. Das ist doch kontraproduktiv!

Die Kritik ist auf den ersten Blick verständlich, trifft aber auf gute Lern-Apps nicht zu. Denn ganz im Gegensatz zum Fernsehen oder zu Computerspielen geht es hierbei nicht um passiven Konsum, sondern um aktives Lernen. Das ist ein grosser Unterschied.

Das müssen Sie genauer erklären.

Kinder wollen und sollen lernen können. Dazu ist es wichtig, dass sie nach draus­sen in den Wald oder in die Stadt gehen, mit Klötzchen spielen, kreative Dinge basteln oder auch mit einem Tablet lernen. Wichtig dabei ist, dass sie selbst aktiv sind und ihren Möglichkeiten entsprechend gefordert sind. So kann eine gute Lern-App als Ergänzung zu anderen Lernaktivitäten durchaus hilfreich sein.

Sie sprechen von guten Lern-Apps. Gilt das für alle zigtausende Apps, welche  in der Sparte «Bildung» in den Stores zu finden sind?

Nein, überhaupt nicht! Viele dieser Apps haben leider nicht viel mit Lernen zu tun, sondern sind stark von Unterhaltung und Konsum geprägt. Dazu kommt, dass die meisten Apps den Kindern lediglich helfen Bekanntes einzuüben. Es sind reine Trainings-Apps. Damit können sie beispielsweise das Einmaleins üben. Dies macht durchaus Sinn, doch ist dies nichts Neues und dafür braucht es auch nicht unbedingt Apps.
Mit guten Lern-Apps meine ich etwas anderes. Mit diesen Apps wird den Kindern ermöglicht, neue Dinge von Grund auf zu lernen. Sie können durch ihr Handeln Zusammenhänge erkennen und verstehen, wie etwas funktioniert. Gute Lern-Apps fokussieren dabei immer auf den Kern der Lerninhalte und lenken das Kind nicht durch Unterhaltungseffekte ab.

Die von Ihnen geschilderten Anforderungen an eine Lern-App scheinen sehr hoch. Ist das der Grund, warum echte Lern-Apps in den Stores so selten zu finden sind?

Richtig. Eine Lern-App zu entwickeln ist viel schwieriger und aufwändiger, als eine reine Trainings-App zu machen. Bei einer Trainings-App müssen lediglich Resultate vom Kind eingegeben und von der App korrigiert werden. Bei einer guten Lern-App hingegen müssen die Kinder angeregt werden, komplexe Inhalte durch Handlungen und Bilder begreifbar zu machen. Dies ist sowohl in der didaktischen Entwicklung als auch bezüglich der technischen und visuellen Umsetzung viel anspruchsvoller und teurer.
Können Sie an einem konkreten Beispiel erläutern, wie ein Kind mit einer guten Lern-App arbeitet?
Ein Beispiel ist «Plus & Minus». Dabei lernt das Kind Klötzchen auf verschiedene Arten zusammenzusetzen. Es wählt dabei seinen eigenen Weg, um 5 rote und 9 blaue Klötzchen zu addieren. Oder später kann auf einem Zahlenstrahl 250 plus 199 gerechnet werden. Hier kann es mit Plus-Sprüngen auf dem Strahl hüpfen. Aber das ist fast nicht zu beschreiben, denn man muss es selbst sehen und machen. Genau darin liegt die Stärke einer guten Lern-App, dass man sie nicht einfach erklären kann (lacht).

Wie lange arbeiten Sie als Lehrer schon mit Lern-Apps in der Schule und wie sind die Feedbacks  von den Kindern und Eltern?

Ich arbeite seit einem knappen Jahr mit Lern-Apps. Vorher gab es diese in guter Qualität noch nicht. Die Kinder finden es toll mit dem Tablet zu lernen, auch wenn es sehr intensiv ist. Sie sehen vor allem ihre eigenen Fortschritte. Auch die Eltern sind begeistert. Sie haben längst gemerkt, dass hier gearbeitet wird und nicht ein Unterhaltungsprogramm läuft.

Schneiden Sie sich mit der Entwicklung dieser App nicht ins eigene Fleisch?

Wieso denn?

Wenn die App richtig gut ist, braucht es doch gar keine Lehrer mehr. Sie selbst sind Primarlehrer...
Doch, die braucht es nach wie vor. Die Lern-App kann die Kinder im Lernen von Mathematik und Sprache gut unterstützen, doch ersetzt sie die Lehrperson keineswegs. Denn nur die Lehrperson kann einen Rahmen schaffen, in dem sich die Kinder beispielsweise über die Lernschritte und Lernstrategien austauschen.
Also ist die App doch nicht so gut?

Doch. Ich erzähle Ihnen gern eine Anek­dote. Eine mir unbekannte Mutter schrieb in einer Mail, dass ihre Familie sich entschied, für ein halbes Jahr auf Segeltörn zu gehen. Sie haben fürs Kind keine Lehrmittel der Schule mitgenommen, sondern nur die von uns entwickelten Lern-Apps. Das Kind kam ein halbes Jahr später zurück und hatte in dieser Zeit gewaltige Fortschritte gemacht, welche auch von der Lehrperson bestätigt wurden.

Sie empfehlen also allen Eltern, ein halbes Jahr auf Segeltörn zu gehen.

(lacht) Ja, liebe Eltern, kauft euch ein Segelboot und entdeckt mit euren Kindern die Welt!
Spass beiseite: Das spricht doch wieder gegen die Notwendigkeit von Lehrern.
Nein. Die Lern-App kümmert sich nur um das Lernen von Arithmetik und Deutsch. Aber da gibt es noch viel, viel mehr in der Schule zu lernen. Neben dem Entdecken und Erforschen der Umwelt gehören vor allem Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenzen zur Hauptaufgabe der Schule. Also noch genug Arbeit für die Lehrpersonen.

Sie haben also selbst eine Lern-App entwickelt. Wo steht die Schweiz in der Welt der Lern-Apps?

Die Schweiz ist ganz generell bekannt für ihre Tradition in der Innovation. ­Genau hier haben wir angeknüpft. Dass ­eine Lern-App den «Best-of-Swiss-Apps»-Award erhalten hat, zeigt, dass Qualität in unserem Land wertgeschätzt wird.